22. Sept. 2011

Alejandro del Valle-Lattanzio

6 Bagatellen für Roland Kollnitz

Musikperformance im Rahmen von ,lacrime furtive'


concertviews ,6 Bagatellen für Roland Kollnitz’
«play the movie



der Begriff Bagatelle ist mit einer beethovenschen Bedeutung geladen: ein kleines Musikstück, ein Bescheidenes, eine einfache Form.
Es enthält auch einen kleinen Teil Ironie: Eine harmonisch anspruchsvolle Bagatelle ist noch eine Bagatelle. Sie sind Formstudien, musikalische Zeichnungen*, eine Art musikalische Essenz, kleine musikalische Widmungen und Ideen,
ein Ideenlabor oder ein Modell für eine grosse Symphonie. Auch in dieser Linie steht Anton Webern mit seinem bagatellischen Werk, darunter nur ein tatsächliches Stück, das den Titel Bagatellen für Streichquartett Op. 9 trägt.

Bagatellen sind Stücke, die ein Einzelleben haben, sie sind kleine Universen. Trotzdem sind die üblichen Programme immer aus mehreren Bagatellen zusammengesetzt. Ein Zyklus von Bagatellen, die zusammen einen grösseren Sinn bauen, wie in der Arbeit von Roland Kollnitz, wo es Einzelstücke gibt, die eine Konstellation bilden und gemeinsam einen Sinn handeln. Bagatellen sind mit Schlichtheit geladene Stücke. Sie sind eine Art, die Plastiken im Raum durch eine musikalische Sicht der Welt zu verstehen:
Sie strahlen ihre Kraft von innen aus, das heisst, endogen, wie die Musik.

Meine Bagatellen für Roland Kollnitz sind elektroakustische Stücke, die Live in der Ausstellung im Ve.Sch. gespielt werden.
Die Klänge werden mit elektronisch gesteuerten elektrischen Apparaturen und mit Schlaginstrumenten (Gongs und Klangschalen) erzeugt und dann mit 2 Mikrophonen verstärkt und in den Raum projiziert.
Die Plastiken im Raum werden von Kollnitz mit der Donizetti Arie Una Furtiva Lagrima imprägniert.
Unter diesen auratischen Bedingungen werden die Bagatellen ihren Platz im Raum suchen.


*“Musikalische Zeichnungen“ ist ein Zyklus von Arbeiten von Alejandro del Valle-Lattanzio








Konzertprogramm
Für 4 elektronisch-gesteuerte Relais, Tamtam, Snare-drum, Ratsche, Stimme und Verstärkung.


1. Endogen
2. Stimmung
3. Kleiner Trommelwirbel
4. Ausbruch und Kontrolle
5. Tanz
6. Suspension



Die erste Bagatelle ist eine Untersuchung der Resonanz. Die Hauptfrequenzen des Tamtams werden vorgestellt. Die zweite ist ein weiterer Versuch, die inneren Qualitäten des Tamtams zu entdecken. Das Tamtam ist eine Art klangliche Sonne, die grosszügig in alle Richtungen strahlt. Die Snare-drum im Gegensatz dazu ist von einer passiveren Natur, sie lässt sich in Schwingung versetzen, absorbiert die Energie.
Ihre Stärke ist das Nervöse, das Rhythmische. Sie markiert die Zeit. Die Relais gehören einer ganz anderen Welt. Sie haben eine andere Art von unerschöpflicher Energie, sie injizieren den akustischen Instrumenten Energie aus einem reibungslosen Universum; jedoch haben sie keine inneren Qualitäten, sind in einem Schlag hörbar, haben nur eine Dimension.

Die dritte Bagatelle hat ihren Titel von Roland Kollnitz’ Installation im Mumok geliehen. Hier ist die Snare-drum alleine.
Ausgehend von rhythmischen Markierungen werden Klangflächen erzeugt: Clocks and Clouds*.

Die vierte beschäftigt sich mit dem Problem der Kontrolle in der elektroakustischen Musik. Eine chaotische Einstellung wird wie das Material einer Skulptur behandelt: Aus einem zufälligen klanglichen Zustand (wie Rauschen) wird Musik destilliert, geformt, skulptiert: Eine musikalische und plastische Formel.

Der Tanz ist ein ganz übliches Stück mit Dreiermetrum-Gefühl. Dazu kommen solistisch Stimme und Tamtam.

Die letzte Bagatelle kennt nur eine Frequenz für alle Relais. Die Ratsche taucht hier auf. Wer ahmt wen nach? Die Ratsche die Relais oder umgekehrt? Hier passiert ein letztes Treffen zwischen den verschiedenen Welten (mit ihren Gesetzen) der Instrumente.




*Verweis auf G. Ligetis Stück










Alejandro del Valle-Lattanzio
geboren 1986 in Bogotá, lebt, studiert und arbeitet in Wien seit 2007.
2003- 2007 Studium Klavier und Komposition in Bogotá (Universität Juan N. Corpas).
Seit 2007 Elektroakustische Komposition und Musiktheorie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien,
seit 2008 Studium an der Akademie der bildenden Künste, Wien.
http://cuatricus.tumblr.com






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