«Vesely Martin
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<Berlin/Leipzig>



Der Blick des Fotografen…

Die Fotografie war nicht nur in der Lage, die Realität oder was man dafür halten wollte, bildhaft zu dokumen-tieren, sondern sie hat auch dazu geführt, die Realität nach dem Vorbild fotografischer Koordinaten zu gestalten. Das Spektrum dieses Hangs zum Fotogenen reicht von der Landschaft und Architektur bis zum Körper und zur Stadt. In diesem Sinne spielt die Fotografie auch da eine Rolle, wo von einem fotografischen Bild oder einer Kamera noch keine Spur zu sehen ist. Die Fotografie repräsentiert heute weniger ein Medium als ein Paradigma, das definiert, unter welchen Perspektiven man die Welt betrachten kann. Man könnte sagen: Die Fotografie eilt der Fotografie
voraus. Das Bild ist schon angelegt, bevor man (sich) noch ein Bild machen kann. Martin Vesely folgt dieser fotogenen Spur des Realen.
Wenn er fotografiert, dann die den Fotos vorauseilende Fotografie, die den Motiven schon eingeschrieben ist.
Darin liegt die Wahl seiner Sujets begründet:
in den Landschaftsaufnahmen genauso wie in den Straßenbildern oder Monumenten. Womit diese spekulieren, ist das Bild, das von diesen übrig bleibt – als Erinnerung, die sich wie eine Fotografie ins Gedächtnis einschreiben soll. Diese Perspektive ist von ahistorischer Natur,
weil sie nicht die je spezifische Geschichte eines Motivs beleuchtet, sondern die bloße Gegenwart des Bildes, das von einer Geschichte bleibt. Wovon diese Motive Zeugnis ablegen, ist die Tatsache, dass sie eine Geschichte hatten. Was von dieser Geschichte bleibt, ist das bloße
Dokument. Aus der Perspektive der Arbeiten von Martin Vesely erscheint die Realität als archivarische Figur, die unter den Koordinaten einer Fotografie wahrgenommen werden will. Wie unterschiedlich die historischen oder gegenwärtigen Spuren in einem Bild sein mögen,
sie münden in eine Gegenwart des Archivarischen. Auf dieser Ebene rücken so historisch und politisch differente Motive wie das Leipziger Völkerschlacht-Denkmal aus dem 19. Jahrhundert, eine sozialistische Skulptur oder Staatsarchitektur aus den 60er Jahren und die zeitgenössische Ansicht einer Straßenflucht aus Berlin in ein Nebeneinander, das Einst und Jetzt gleichermaßen in sich verschlingt.
Was bleibt, ist allein die Gegenwart der Fotografie und der Eindruck, dass es sich nur mehr Dokumente handelt, die jeden Handlungsspielraum verloren haben.

Text: Andreas Spiegl





1&2.) “Straße des 17. Juni, Sowjetisches Ehrenmal – Berlin”, 2008
C-Print (8×10″), 60x75cm, mit Rahmen (Flacheisen, mattweiß lackiert), 100x125cm
3.) “Sonntagsstraße – Berlin”, 2008
C-Print (8×10″), 40x50cm, mit Rahmen (Flacheisen, mattweiß lackiert), 67,5x95cm
4.) “Zittauer Straße – Leipzig”, 2008
C-Print (8×10″), 40x50cm, mit Rahmen (Flacheisen, mattweiß lackiert), 67,5x95cm





“Zittauer Straße – Leipzig”, 2008, C-Print (8×10″), 40x50cm